Wogegen ich mich wehre, bleibt bestehen


Sicher hat das schon jeder einmal so oder so ähnlich gehört: Wogegen ich mich wehre, bleibt bestehen. Was ich innerlich weghaben will, ziehe ich an. Wenn ich verdränge, drängt es irgendwann zurück … und dann meist potenziert. Nun neigen wir alle aufgrund des polaren Aufbaus unserer Welt dazu, irgendwelche Einstellungen und Haltungen zu entwickeln, in denen wir Dinge als gut oder schlecht, nützlich oder unnütz, lobens- oder verachtenswert etc. einordnen. Das allein ist aber nicht gleich das Riesenproblem. Erst wenn es extreme Formen der Polarisierung annimmt, wird es – je nach Grad der Ablehnung – zum unangenehmen Bumerang.

Jede geistige Haltung, jeder Zustand oder Glaubenssatz hat seine Wirkung, seine Energie. Wenn ich sehr gut gelaunt in Gesellschaft bin, ist das unüberspürbar. Mein Gegenüber merkt das in der Regel und spiegelt mir mein Verhalten. Das kennst du auch, oder? Genauso funktioniert das auch, wenn ich nicht gut gelaunt bin. Und es funktioniert auch umgedreht so, wenn Menschen auf mich oder dich zukommen. Ich glaube, dass jeder von uns gut das Gegenüber spüren kann. Das hängt nur davon ab, wie sehr ich mit mir selbst in dem Moment beschäftigt bin. Dann verlagert sich der Fokus, und die Verbindung ist nicht so deutlich spürbar.

Ok. Jetzt gibt es noch eine Steigerung unserer Haltungen, in denen z. B. Gedanken wie, egal ob sie geäußert werden oder nicht, „Dies oder jenes würde ich nie tun …“, „Wie kann man nur …“ oder „Ich hasse es, wenn …“ die Münder verlassen und in unsere Gesellschaft fließen. In dem Moment findet eine Verbannung statt. Die Verbannung vom polaren Gegenteil. Dieses abgelehnte Gegenteil verliert dadurch aber nicht seine Wirkung. Nein, es beginnt sich aus der Verdrängung herauszubuddeln. Dazu benötigt es oft mehr Kraft, also muss es auch stärker werden als zuvor. Es versucht sich wieder zu befreien, denn es lässt sich als das polare Gegenstück zu etwas nicht einfach unter den Teppich kehren … auch wenn das in so mancher Situation vielleicht als hilfreich ersonnen wird. Das geht aber nicht. Unsere Welt funktioniert nicht monopolig. Und trotzdem wandeln viele Menschen, bewaffnet mit der Bewertungskeule, umher und projizieren wild – und entdecken dann natürlich auch – ihre verdrängten Anteile in unserer Gesellschaft. Allerdings vergessen sie dabei eine Tatsache: Genauso wie ich der Nacht nicht den Kampf ansagen brauche, nur weil mir ihre Dunkelheit nicht passt, ist aus meiner Sicht auch vergebens, bestimmte Menschen oder Haltungen weghaben zu wollen, nur weil sie mir nicht passen. Über den Sinn will ich hier gar nicht schreiben, denn für jeden ist etwas anderes sinnvoll.

Wie oft triffst du auf Menschen, die du lieber meiden würdest oder doof findest? Wie oft hörst du in Gesprächen Dinge, die für dich nicht infrage kommen oder die du völlig anders siehst oder machen würdest? Gibt es vielleicht sogar Dinge oder Menschen, die du verachtest oder gar hasst?

Mit einem kleinen Beispiel aus meinem Alltag, möchte ich das mal belegen:
Generell komme ich mit so fast jedem gut aus. Ich habe viel Verständnis und empfinde mich als einigermaßen tolerant. Aber auch bei mir gibt es da diesen einen Menschen, den ich nicht einmal persönlich, sondern nur flüchtig kenne. Mit ihm verbinde ich Attribute wie hinterlistig, arrogant, unfair, unecht oder überheblich. Also all das, was ich nicht sein möchte. Darüber bin ich mir bewusst und ich darf das auch doof finden, weil es absolut nicht meinen Wertvorstellungen entspricht. Trotzdem triggert diese Person ein tiefersitzendes Gefühl in mir. Wenn ich sie sehe, steigt meine innerliche Anspannung sofort rapide. Und während ich das hier so schreibe, wird auch deutlicher, dass es um das Gefühl von „unfair behandelt“ geht. Also kann ich mir ganz in Ruhe die Frage stellen: Wo fühle ich mich oder habe ich mich in meinem Leben unfair behandelt gefühlt?
Da fallen mir direkt ein paar Dinge aus meiner Biografie ein, welche sich bis heute in dem Geflecht meiner Erfahrungswelt zeigen. Na prima. In die Ecke hatte ich noch nicht so genau geschaut. :)

Prima. So wird aus einem Beitrag über etwas eine Erkenntnis zu etwas. Das hat sich wieder mal gelohnt. Ich bin froh darüber, dass ich mittlerweile solche menschlichen und zwischenmenschlichen Themen offen teilen kann. So kann jeder bei sich schauen, ob er mit irgendwas davon in Resonanz geht. Oder eben auch nicht.

Ich wünsche euch einen reflektiven Tag und sage danke fürs Lesen und vielleicht sogar Teilen oder Weitersagen.



Andreas

Photo by Laurenz Kleinheider on Unsplash