Ein Hoch auf die Tiefs


Vielleicht klingt das für dich erstmal seltsam. Wieso sollten Tiefs wertgeschätzt werden? Sie verursachen doch Leid und Schmerz und Unwohlsein und Freudlosigkeit. Sie sorgen für schlechte Stimmung, launige Partner und haben auch sonst scheinbar nur den Ruf als ungebetener Gast. Wieso eigentlich? Ist es nicht so, dass nach jedem Tief wieder ein Hoch kommt? Also ist das Tief ja für irgendetwas gut oder nicht? Schaumerma.

Da fallen mir mehrere Ideen ein, welche sich mittlerweile gut im Gedankengut vieler Menschen verankert haben, wie z. B. der Wunsch, immer positiv denken zu wollen. Dazu gibt es dann auch ganz viele Sprüche und Bücher und Affirmationen. Diese Seite der Medaille wird gut poliert und ebenso gern angeschaut. Aber was ist mit der anderen Seite?

 

Die andere Seite ist die scheinbar unangenehme. Sie bewahrt in sich geduldig das Gegenteil von alledem, was wir als schön und leicht oder freudig und glücklich bezeichnen. Sie ist die Sammelstelle für die ungewollten Gefühle, unangenehmen Konflikte und verdrängten Erfahrungen, mit denen wir uns mehr oder weniger gern … oder gar nicht auseinandersetzen wollen.

 

Letzteres hat natürlich auch seine Konsequenzen. Denn ich kann ja auch nicht so tun, als gäbe es die Nacht nicht, nur weil sie mir zu dunkel ist. Und was passiert, wenn es nur hell ist und gar nicht mehr richtig Nacht wird, weiß jeder, der schon mal an Orten der Welt war, an denen es nicht richtig dunkel wird. Es geht einfach nicht, dass wir einen Pol bevorzugen können. Hell geht nicht ohne Dunkel. Plus nicht ohne Minus und ein Hoch nicht ohne Tief.

 

Und so sind die Tiefs, durch die wir manchmal gehen müssen, unlöschbarer Bestandteil unserer Erfahrungen und die andere Seite von ein und derselben Medaille. Ein Gegensatzpaar, durch das uns ergänzende Erkenntnisse möglich werden. Ich gehe mal davon aus, dass jeder schon mal eine mehr oder weniger schwierige Situation durchlebt hat. So schwierig, schmerzhaft oder unangenehm diese für mich auch in dem Moment gewesen ist, so hilfreich war sie rückblickend jedes Mal. Irgendein Geschenk ist immer darin versteckt, welches nur darauf wartet ausgepackt zu werden.

Meine Haltung ist durch diese Erfahrungen auch eine ganz andere geworden. Wollte ich früher am liebsten gar nichts von unbequemen Gefühlen oder leidvollen Situationen wissen, gehe ich heute immer bewusster und bereitwilliger durch diese Erfahrungen. Es ist ein lohnenswertes Training, mutig durch die Wirren dieser Tiefs zu gehen. Alle Gefühle zu fühlen, die Tränen zu weinen oder einfach nicht zu wissen, was die Lösung oder der nächste Schritt ist. Erst das Annehmen und die daraus resultierende Aufgabe des Kampfes gegen das Drama lassen das Licht auf die Treppe zum nächsten Hoch scheinen. Ich habe noch nie die Erfahrung gemacht, dass ich eine Aufgabe nicht bewältigen konnte. Egal wie komplex und langwierig diese waren … sind … werden.

 

Mit jedem durchschrittenen Tal … und natürlich auch jedem erlebten Hoch … dehnt sich unsere Komfortzone und der erfahrbare Gefühlsradius. Die Schwingungsweiten werden neu definiert. Die Belohnung dafür ist ein immer intensiveres Gefühl von Geborgenheit und Vertrauen im Prozess Leben, mit den sehr angenehmen Nebenwirkungen von immer erfüllenderen Hochs und immer weniger bedrohlich wirkenden Tiefs. Und darum: Ein Hoch auf die Tiefs.

 

Danke fürs Lesen und, wenn du magst, teilen.

 

Andreas 

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