Vollkommen unvollkommen


Wer hat es noch nicht wenigstens einmal gehört? „Wir, du und ich und jeder andere, sind vollkommene Wesen.“ oder „Wir kommen als vollkommene Wesen auf die Welt.“ Ok und nun mal kurz Hand aufs Herz: Wer fühlt in sich die Vollkommenheit? Wer weiß genau, dass er ein vollkommenes Wesen hier auf der Erde ist?

Ich bin gestern über einen Video auf das Thema gekommen. Es war ein sehr detaillierter Bericht einer „Nahtod-Erfahrung“ (Ich schreibe das mit Absicht in Anführungszeichen, weil ich es nicht als solche bezeichnen würde, aber der Begriff ja geläufig ist). Mich hat das sehr berührt, weil ich aufgrund diverser Erfahrungen mit mir selbst wunderbar mitfühlen konnte, wovon die Frau gesprochen hat. Ich glaube, die meisten, die schon eine außerkörperliche Erfahrung gemacht haben, können solche Berichte mitfühlen. Auch wenn das Erfahrene eigentlich nicht in weltliche Worte gepresst werden kann. Das ist vielleicht dem Gefühl ähnlich, nach so einer Erfahrung wieder in seinem Körper zu sein. Das fühlt sich auch sehr, sehr begrenzt an. Wie eine Art zu enge Ummantelung. Und so ist es auch mit den Beschreibungsversuchen dieser Erfahrungen. Diese Dimensionen passen einfach nicht in die paar Zeichen, die uns zur wörtlichen Beschreibung zur Verfügung stehen.

So … jetzt aber zurück zum Thema. Vollkommenheit in seiner weltlichen Bedeutung unterliegt dem Prinzip der polaren Gegensätze hier in der Dualität. Sie hat ihr Gegenüber in der Unvollkommenheit. Und da es keinen Dauerzustand innerhalb der Polarität geben kann, wird es auch nicht dieses permanente Gefühl der weltlichen Vollkommenheit geben. Ich betone diesen weltlichen Aspekt bewusst, da es aus meiner Sicht zwei Möglichkeiten gibt Vollkommenheit zu erfahren. Erstens: mehr oder weniger oft und deutlich in der Welt der Gegensätze und zweitens: als Gegebenheit im Universum der Einheit, im nonpolaren Bereich. Letzteres ist für den Verstand nicht nachvollziehbar, denn er ist Teil der Polarität. Er ist ihr entsprungen und tut sich deshalb auch so schwer, Erfahrungen aus und in der Einheit als „echt“ zuzulassen. Eine Konsequenz oder Reaktion ist Skepsis, Zweifel oder rationale Erklärungsversuche solcher Erfahrungen. Für diese Dinge wird es aus meiner Sicht im Verstand nie eine passende Schublade geben und deswegen wird es auch innerhalb der polaren Erfahrungsebenen immer „Anhänger“ und „Gegner“ oder „Wissende“ bzw. „Unwissende“ geben. Das alles ist gar nicht dramatisch, solange jeder unbewertet seine Erfahrungen teilen oder beschreiben kann. Und es ist echt nur ein Beschreibungsversuch.

Ein nachvollziehbares Beispiel dafür ist der Zustand des Erlebens von bedingungsloser Liebe. Ich vermute einfach mal, dass viele bereits eine Erfahrung damit machen konnten. Ich für meinen Teil hatte diese bereits vor dem Beginn meiner bewussteren spirituellen Entwicklung bei meinen Kindern. Und ich glaube einfach, dass eigene Kinder eine Brücke zur universellen Liebe sind. Sie sind unsere erfahrbare Möglichkeit von Bedingungslosigkeit. Vorausgesetzt, wir als Eltern schaffen es, nicht unsere eigenen Vorstellungen und Wünsche auf die Kinder zu projizieren. Leider ist das aber – biographisch nachvollziehbar – an der Tagesordnung. Bewusst oder unbewusst. Nichtsdestotrotz geht doch nichts über das Gefühl, wenn ich erwartungs- und bedingungslos mein Kind wirklich einfach nur wahrnehmen kann. Ich wurde dann immer überflutet von intensivster Freude, sodass ich auch einfach mal vor Glück weinen konnte. Sehr fein. Und ich wusste jedes Mal: das Kind ist genau richtig wie es ist. Da gibt es nichts zu verändern oder zu vervollständigen. Denn es ist bereits vollkommen. Ich wünsche mir für jedes Kind, dass dessen Eltern möglichst häufig in dieses Gefühl kommen! Angenommen, diese göttliche Version der Liebe ließe sich auch noch auf die Partnerschaft übertragen … hui, nicht auszudenken, wie schön das Miteinander sein würde.

Bis das allerdings kultiviert ist, schlagen sich wahrscheinlich so einige, genau wie ich zeitweise, noch mit dem eigenen Gefühl der Unvollkommenheit herum. Dieses führt oft zu den verschiedensten Strategien, um die scheinbaren Mängel aufzufüllen. Oh man, ich weiß genau wovon ich schreibe. :) Denn, bis ich mich auf meine Erkenntniswanderung begeben habe, musste ich erst 36 Jahre werden. Bis dahin war ich auch ein großer Fan meiner Unvollkommenheit und der begleitenden Ersatzhandlungen zur „Vervollkommnung“. So manche Strategie ist immer noch am Werkeln, mit dem tollen Unterschied, dass ich sie mittlerweile gut bei ihrer Arbeit beobachten kann und sie nicht mehr nur allein mein Denken und Handeln bestimmt. Das ist eine wahre und sich ständig erweiternde Befreiung.

Ganz anders ist meine Erfahrung im Universum der Einheit. Da stellt sich mir die Frage gar nicht, ob ich mich vollkommen fühle. Da weiß ich es einfach. Wenn ich z. B. meditiere, ist es nicht mehr schwer, in diesen Zustand zu kommen. Und auch mit jedem Gespräch über für mich Wesentliches, also wirklich über „Gott und die Welt“, komme ich schnell in dieses Gefühl. Auch jetzt gerade beim Schreiben merke ich sehr deutlich den Unterschied beider Erfahrungswelten. Bei Letzterem kribbelt es bereits wohlig in mir und ich fühle mich direkt wieder verbunden. Ich spüre die Liebe und den Frieden. Oh, ich bin so dankbar dafür. Der Zustand ist so erstrebenswert und vor allem für jedermann erreichbar. Raus aus der Welt und rein ins Universum. Das Äußere ist die kollektive Kopie der inneren Konditionierungen und Erfahrungen. Das Innere ist dagegen ein Universum. Die Welt hat ihre Gesetzmäßigkeiten und die daraus resultierenden Grenzen. Das innere Universum dagegen hat diese Grenzen nicht. Es braucht keinen Anfang und kein Ende. Kein echt oder unecht. Kein wahr oder unwahr. Es ist. Und das, was ich als inneres Universum bezeichne, hat eigentlich auch nichts mehr mit dem räumlichen Innen zu tun. Es ist vielmehr das Beobachten der eigenen multidimensionalen Erweiterung von uns als Bewusstsein in die Arme der Schöpfung. Meine Fresse, das klingt abgefahren. :) Ich habe es einfach mal auf die Tastatur fließen lassen. Ich muss schmunzeln, weil just in dem Moment kommt mein Verstand vorbei und fragt mich, was ich da bitte gerade geschrieben habe. :) Ich sage ihm, dass er sich keine Mühe geben braucht, um das zu verstehen. Er sagt mir: „Dein Text ist Quatsch, den versteht doch keiner“ und ich sage ihm: „ich weiß“. Jedoch wird jeder, der diese Zeilen nicht mit dem Verstand liest, sehr wohl wissen, was ich meine.

Auch wenn das nicht immer so erlebt wird: Vollkommen ist alles. Und die Erfahrung der Unvollkommenheit hier ist ein Teil der Erfahrung der göttlichen Vollkommenheit.

Wieder einmal sage ich Danke fürs lesen oder teilen oder weitersagen. 

Andreas

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