Das Museum „Ich“


Wenn ich so durch meine Vergangenheit streife und meine verschiedenen Stationen und Rollen im Leben betrachte, ist es, als würde ich durch ein Museum laufen. Verschiedenste Momentaufnahmen in Zeit gerahmt. Ich hatte schon viele Rollen. Vom Punk über Hippie zum Rock‘n‘Roller und vom Markenfanatiker zum Skater, um mal einige zu nennen. Und in der Erinnerung ist es schon so, dass sich jeder Zustand und jede Rolle so angefühlt hat, als wäre ich das. Wenn ich das heute so betrachte, hat das irgendwie nichts mit dem zu tun, was ich als meinen Wesenskern wahrnehme. Weißt du, welchen Unterschied ich meine?

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Menschen, welche mich über einen längeren Zeitraum nur punktuell sehen, gern diese alten Bilder aus der Galerie meines Lebens anschauen. Sie sehen genau den Typen, den sie auch zu der damaligen Zeit gesehen haben. Sie „kennen“ mich. Nachvollziehbar, denn woher soll auch ein aktuelleres Bild von mir kommen? Den ganzen Entwicklungsprozess bekommt ja nicht jeder komplett mit. Hier und da gibt es mal ein Update, wenn man sich mal wieder trifft. Oft braucht es von meiner Seite auch erstmal ein wenig Anlauf, um anknüpfen zu können. Leider ist das auch die Quelle für verzerrte Wahrnehmungen. Denn, wenn das gespeicherte Bild von mir nicht mehr mit dem aktuellen übereinstimmt, ist es möglich, dass völlig falsche Schlüsse gezogen werden – sofern nicht nachgefragt wird.

Es gibt in meiner Biografie, wie bei jedem anderen wahrscheinlich auch, Wegbegleiter für eine bestimmte Zeit. Die einen länger, die anderen vielleicht nur für kurze Zeit. Und dann gibt es die Ausnahmen: Diejenigen, bei denen es völlig egal ist, wie lange man sich nicht gesehen hat. Bei denen habe ich stets das gleiche Gefühl. Eine Art Dauerverbindung, welche unabhängig vom eigenen Entwicklungsprozess besteht. Bei diesen Menschen spielt es keine Rolle, wie ich gerade bin oder was mich beschäftigt. Nicht aus Desinteresse. Der Austausch findet statt – aber wertfrei. Die Verbundenheit besteht auf einer tieferen Ebene, auf der die Oberflächlichkeiten eine untergeordnete bis keine Rolle spielen.

Ich selbst erwische mich auch dabei, wenn ich Menschen lange nicht gesehen und dann treffe, erst einmal die Eigenschaften und Annahmen aus der Vergangenheit zu projizieren. Das kann durchaus hinderlich sein, denn für den Moment bin ich dann nicht mehr offen für das, was gerade ist. Ich kann nicht wahrnehmen, wer da vor mir steht oder sitzt und schaue mir nur die Geschichten aus der Vergangenheit an. Dieses Phänomen ist im übrigen Alltag und Volkssport. Wahrhafte Begegnungen werden aus meiner Beobachtung eher gescheut.

Worauf will ich hinaus? Das Museum „Ich“ ist maximal eine Art Ansammlung von Momentaufnahmen. Diese haben aus meiner Sicht nichts mit dem zu tun, wer bzw. was ich wirklich bin. Denn die ganzen Etiketten, auf denen steht, wer ich war oder wie ich gedacht habe oder wie ich zu sein scheine, sind vergänglich. Und Vergänglichkeit hat nichts mit dem Teil in mir zu tun, der sich unveränderlich anfühlt. Diese Konstante in mir – und in dir – ist der ewige Teil außerhalb von Raum und Zeit - und doch ist er innerhalb dieser erfahrbar. Auf der meist unbewussten Spielwiese der Polarität findet dieser Aspekt aber kaum Beachtung. Das Ping-Pong-Spiel der Gegensätze sorgt dafür, dass die meiste Zeit damit verbracht wird, in irgendwelchen Gedanken und Konzepten zu verbringen. Eine dauerhafte Ablenkung vom Wesentlichen sozusagen. Und was ist das Wesentliche dabei?

Neben dem wichtigen Erfahrungsfeld, welches uns das Leben anbietet um zu lernen (passender wäre der Begriff „erinnern“, jedoch hat es den Anschein, als müssten wir lernen, auch wenn es mehr um das Verlernen von Konditionierungen geht), gibt es jenen mehr oder weniger erforschten bzw. bewussten Teil, der außerhalb der Polarität beheimatet ist. Außerhalb der Welt der Gegensätze. Jener Aspekt, welcher zur reinen Beobachtung fähig ist und für welchen keinerlei Identifikation nötig ist. Genau die leise Stimme, die dir und mir zum Geburtstag zuflüstert, dass dein Alter nur ein Etikett ist und in Wirklichkeit unbestimmbar bleibt.

Und so wie das Alter nur ein Etikett, nur eine Beschreibung für einen Moment ist, so sind es die biografischen Portraits auch. Genauso wie Fotos, egal ob im Album eingeklebt oder im Kopf gespeichert. Aufnahmen aus der Vergangenheit im Museum „Ich“. Immer mit einer Geschichte verbunden. Weit weg vom Jetzt. Und doch sind Erinnerungen auch was Schönes … oder eben auch nicht so Schönes. In jedem Fall sind sie da und erinnern uns an gemachte Erfahrungen.

Es bleibt für mich ambivalent, denn auf der einen Seite sammle ich mit einem Menschen Erfahrungen und lerne ihn (genauso, wie ich mich über ihn) überhaupt erst einmal kennen und auf der anderen Seite schaue ich mir eigentlich nur die Vergangenheit an. Ähnlich wie beim Licht der Sterne, welches schon sehr alt ist und eine sehr lange Strecke zurückgelegt hat, ehe es hier auf der Erde ankommt und wahrnehmbar ist. Spätestens beim Betrachten des Sternenhimmels gewährt uns die Schöpfung einen Blick durch die Vergangenheit in die Ewigkeit. Vielleicht ist es gerade diese Erinnerung, welche das Wesentliche wieder ein Stück näherbringen kann. So gesehen, kann das Museum „Ich“ auch als ein Türöffner zum gegenwärtigen Augenblick werden und wahrhaftige Begegnungen ermöglichen.

Überrascht über dieses Ende, mache ich jetzt den Anfang und starte in den Tag, voll mit wunderbaren Menschen. Danke fürs Lesen.



Andreas

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Photo by Sergei Akulich on Unsplash