Stillstand ist Veränderung


Diese Worte kamen mir nach einer … wie formuliere ich es mal … schönen, aber unruhigen Konversation. Mit unruhig meine ich den Zustand eines inneren, ungeduldigen und leistungsorientierten Motors des Getriebenseins. Das meine ich nicht bewertend. Ich habe dadurch eine interessante Beobachtung machen können …

Veränderung, Wachstum, Fortschritt, Optimierung, Effizienz, Expansion oder Entwicklung – das sind Worte, die in der heutigen Zeit mitunter schon fast nach Herzinfarkt und Burnout klingen und irgendwie Hektik auslösen können. Und das, obwohl sie im Prozess der Schöpfung das Natürlichste überhaupt sind. Und so wie es im Großen ist, konnte ich es auch im Kleinen beobachten.

Ich kenne diesen getriebenen Zustand von mir selbst sehr gut. Aus meiner Zeit der Selbständigkeit. Alles, was da für mich zählte, waren Aufträge und Geld verdienen. Die Arbeit war mir so wichtig, dass alles andere zurückstecken musste. Familie, Freunde und Freizeit. An den Wochenenden noch zu Hause weitermachen war schon Normalität. So unbewusst wie ich damals unterwegs war, kam die Situation, welche alles veränderte, gefühlt sehr spontan, und ich weiß noch genau, wie überrascht ich über mich war. Denn ich saß wie jeden anderen Tag auch an meinem schicken Schreibtisch in einem noch schickeren Büro (das meine ich ernst) und wollte anfangen zu arbeiten – eigentlich. Gefühlt aus heiterem Himmel überkam mich eine große Traurigkeit und ich musste anfangen zu weinen. Ich wusste nicht mal warum. Aber die Tränen flossen und ich merkte, dass irgendetwas mit mir nicht stimmt. Ohne weiter ins Detail zu gehen, war das mein Auslöser, damit ich mich mal mit mir selbst beschäftigte und einen Blick hinter meine Alltagsmaske bzw. mein damalige Art zu leben riskierte. Und es war ein Risiko, weil ich ja keine Ahnung hatte, was da auf mich zukommt … Angst, Neugier, Ohnmacht, Traurigkeit, Verzweiflung, Verwirrung – alles war gleichzeitig da. Und heute bin ich so dankbar dafür. Ich glaube jeder, der so eine ähnliche Erfahrung gemacht hat, kann das nachfühlen.

Eine Kleinigkeit, welche über die Jahre an Größe enorm zugelegt hat, möchte ich doch noch erwähnen. Als ich die Situation 2010 erfahren habe, gab es, trotz aller Ängste und Vorstellungen, eine kleine, feine Stimme in mir, welche mir wohlwollend zugeflüstert hat: „Es ist alles genau richtig.“ Und das war keine eingebildete oder affirmative Verstandesaktivität – wie ich heute weiß. Mit Größerwerden meine ich den Anteil an Aufmerksamkeit, welche diese Stimme in mir bekommt. Der Raum, den ich mir und meinem Selbst gebe.

Mit dieser kurzen Geschichte von mir, möchte ich zum eigentlichen Thema zurückführen: „Stillstand ist Veränderung“.

Es könnte sein, dass die Gewohnheit in dir rebelliert, wenn sie das liest. :) Per se wird Stillstand gern mit Inaktivität in Verbindung gebracht. Formulierungen wie „Stillstand ist der Tod“ unterstreichen das vielleicht noch. Stillstand in der äußeren Welt? Unvorstellbar! Fließbänder befördern, Betriebe produzieren, Autos fahren, Menschen laufen, schreiben, arbeiten – alles ist in Bewegung und jetzt komme ich mit Stillstand um die Ecke? Ja genau. Denn, es geht mir auch nicht um den Stillstand der Außenwelt. Der Stillstand, von dem ich schreibe, meint das Innehalten, das Zentrieren und die achtsame Beobachtung im Inneren. Der Fokus in mir, welcher gefühlt oft einfach zu kurz kommt im Alltag. Gerade durch das Getriebensein und Tun. Und erst durch diesen Prozess wird eine wirkliche Veränderung möglich. Veränderungen im Außen sind quasi eine Art Symptombehandlung, verglichen mit der Veränderung im Inneren. Genau genommen ist das Außen das Abbild des Inneren. Das erklärt auch die veränderte Wahrnehmung der eigentlich gleichen Zustände im Alltag. Ich, für meinen Teil, spüre sehr deutlich, dass ich nicht zwingend bei jeder Dynamik im Alltag mitmachen muss. Es sei denn, ich möchte das. Dann hat das auch seinen Zweck. Bestimmte Zusammenhänge erkenne ich auch heute noch erst im Nachhinein, aber über einen Großteil bin ich mir schon gut bewusst.

Das ist ja alles schön und gut. Entscheidend ist jedoch die Bereitschaft von jedem Einzelnen. Denn es könnte gut sein, dass du das alles liest und es dir irgendwie vertraut vorkommt. Wie eine Erinnerung. Das ist auch gut. Und doch braucht es für den Prozess der Selbsterkenntnis und -bewusstwerdung dein Handeln. Deine ersten Gehversuche auf vergessenem Terrain. Solltest du jetzt einen Aufruf in dir spüren, lass den Impuls nicht einfach wieder verebben, denn das passiert sehr schnell. Vielleicht ist heute der Tag, an dem du für Veränderung bereit bist, auch wenn du noch keine Ahnung hast, wie die genau aussieht. Es lohnt sich. Wenn das so ist und du willst, fühl dich frei mit mir Kontakt aufzunehmen.

Ich sage Danke fürs Lesen und wünsche dir einen achtsamen Tag.



Andreas

Photo by Fabrizio Verrecchia on Unsplash