Das Leben und seine Freude


Meine größte Tochter überrascht mich immer wieder mit ihrer, für ihr Alter, sehr reflektierten Art. Sie hat schon viel durchgemacht und ist aus diesem Grund aus meiner Sicht schon jetzt an einem Punkt, an dem ich erst viel später in meinem Leben angekommen bin. Das beobachte ich sehr freudig. Letztens kam es durch ein sehr amüsantes Wortspiel mit ihr zu der Idee für diesen Beitrag.

Wir waren auf dem Heimweg von einem gemeinsamen Ausflug als sie plötzlich sagte: „Meine Existenz ist so schwer.“ Ich habe sie daraufhin gefragt: „Was macht sie so schwer?“. Ihre Antwort: „Frag mich was Leichteres!“. Ich musste anfangen zu lachen. Sie auch. Wir haben herzlich gelacht. Und schon war es wieder ein Stück leichter, und doch löst ihre Aussage eine Erinnerung in mir aus. Denn, wie oft hatte ich das Gefühl, dass das Leben schwer und leidvoll ist. Wie oft habe ich mich gefragt, wo die Lebensfreude eigentlich ist und wie sie sich anfühlt. Und was ich falsch mache, weil ich mich so weit weg von ihr gedacht habe. Kennst du das auch?


Aus aktueller Sicht weiß ich, was mir gefehlt hat: Die Erkenntnis, dass leicht und schwer zwei Dinge der selben Sache sind. Ein polares Gegensatzpaar. Und, dass diese nichts mit dem Gefühl zu tun haben, dass ich mich im Leben geborgen fühle und es freudig genießen kann. Hmm … was will ich damit sagen? Das Leben, die Schöpfung in Aktion, geschieht in der Einheit, welche die Zweiheit (Dualität) beinhaltet. Ergo kann ich mich immer darin geborgen fühlen, weil es ja nichts anderes gibt. Die Dualität ist nur ein weiteres Erfahrungsfeld im großen Ganzen. Und genauso, wie es die Einheit als Ganzes gibt, existiert auch in uns die Verbindung zur Einheit. Eine Standleitung zur Schöpfung sozusagen. Es ist der innere Beobachter in jedem von uns. Jene Instanz, die dazu in der Lage ist, jedwedes Geschehnis einfach wahrzunehmen. Ohne die Tendenz zur Polarisierung und Bewertung. Die Dinge aus dieser Position anzuschauen, bedeutet auch nicht mehr, emotional in den Erfahrungen verwickelt zu sein. Und trotzdem bietet dieser Zustand auch die Möglichkeit zu handeln, zu entscheiden und zu reagieren – nur eben OHNE irgendeine Identifikation. Das erleichtert so einiges und öffnet die Türen zur Freude am Leben.


Bis zu dieser Erkenntnis bin ich stets davon ausgegangen, dass ich das bin, der das so erlebt. Ich war sozusagen die Marionette meiner Wahrnehmungen. Mit allen automatischen Reaktionen und Gefühlen. Ausgeliefert und scheinbar real. Klar, es fühlt sich ja auch so echt an in dem Moment. Bis dahin hatte ich auch für mich noch nicht realisiert, was das mit dem Leben eigentlich so auf sich hat und was das eigentlich für mich ist. Ich war mir auch nicht im Ansatz klar darüber, welche Rolle meine geistige Haltung zu bestimmten Dingen oder Herausforderungen spielt. Und natürlich spielt dabei meine Biografie mit ihren ganzen Prägungen eine große Rolle.

Nun ja. Dank meines immer größer werdenden Leidensdrucks war ich Ende 2010 gezwungen damit anzufangen, über all das nachzudenken und neue Wege auszuprobieren. Eine Maßnahme des Lebens, welche sich sehr gelohnt hat. Danke dafür.


Es sind mehrere Aspekte, die mit der Erkenntnis einhergehen. Ich versuche das mal ein wenig aus meiner aktuellen Sicht zusammenzufassen. Ganz oben steht dabei die Fähigkeit, das Leben als Prozess zu sehen. Ein Prozess von steter Dynamik. Von wechselnden Zuständen, die wir z.B. als schön oder nicht schön, hilfreich oder unnütz oder in jedem beliebigen weiteren Gegensatzpaar wahrnehmen können. Das ist der Ausdruck innerhalb der Polarität unserer Welt. Wir wandern und pendeln ständig zwischen diesen Polen. Aus diesem Grund gibt es auch keinen dauerhaften Zustand – kein immer. Aber was es gibt, ist die Tatsache, dass all diese Prozesse, Erfahrungen und Erlebnisse aus der Beobachterperspektive wahrnehmbar sind. Nicht nur aus dem Identifiziertsein mit etwas. Daraus abgeleitet ist ein Schlüssel zu mehr Lebensfreude das Wechseln in genau diese Beobachterposition. Denn, wenn ich mich nicht mehr mit bestimmten Zuständen identifiziere, beobachte ich nur das, was passiert. Auch das, was ich tue oder eben nicht tue. Ich beobachte den Prozess. Ich beobachte das Leben in seinen Ausdrucksmöglichkeiten. Es wird fast wie zu einem Spiel. Einem unbeschwerten Spiel. Und das Leben ist das Spiel der Schöpfung. Willst du mitspielen? Oder lässt du mit dir spielen?


Danke fürs Lesen

Andreas

Photo by Ben White on Unsplash