„Die Gewohnheit sieht meist einen Scherbenhaufen“


Ja, das war ein Satz, der in einem der letzten Beratungsgespräche aus meinem Mund purzelte. Er berührt mich irgendwie. Thematisch ging es um Veränderung und die damit verbundenen Herausforderungen und Ängste. Die Gewohnheit kann dann sehr schnell zu einer Art Bereitschaftsbremse werden.

Die Gewohnheit bezieht ihre Existenz aus der Erfahrung, aus der Wiederholung. Innerhalb von Beziehungen entstehen so, wer kennt es nicht, schleichend verschiedenste Verhaltensprogramme und -abläufe. Was ich so interessant dabei finde, ist die Tatsache, dass Gewohnheiten wie eine Art Bumerang sind. Einmal ausgesprochen, gehandelt oder aktiviert, kommt postwendend die altbekannte Reaktion. Und so ist auch verständlich, dass es so schwerfällt, z. B. den Partner in einem neuen Licht zu sehen. Durch die Brille der Gewohnheit erkenne ich nicht das Licht im anderen. Mir bleibt der Blick auf seine eventuelle Bereitschaft, seinen Willen oder Mut verwehrt. Ich schaue den Partner an und sehe oft zuerst die Vergangenheit. Oder wie geht es dir?

Das ist keine Anklage. Das ist eine Erinnerung. Die Erinnerung daran, dass Offenheit nicht mit dem Blick der Gewohnheit erfahren werden kann. Es ist so gefährlich, davon auszugehen, dass ich mein Gegenüber kenne. Nur weil ich schon zig Jahre mit ihm verbracht habe. Das sagt nichts über die Qualität und Tiefe der Verbindung aus. Manche Freundschaft mit wesentlich weniger Frequenz hat da mitunter mehr Tiefe. Ich sage nicht, dass es keine reflektierten und authentischen Beziehungen gibt. Die gibt es, sonst wären die weniger Reflektierten nicht sichtbar. Der Großteil ist aus meiner Erfahrung etwas schläfrig und nicht so lebendig wie sie sein könnten. Wofür eine Beziehung eigentlich auch da ist. Der Komfort-Schleier, der sich mit den Jahren über eine Partnerschaft legen kann, ist für das Paar unsichtbar. Zuerst vielleicht sogar schön. Bis die ersten subtilen Anzeichen für Unstimmigkeiten auftauchen. Und diese werden oft auch erstmal als hinnehmbare Nebenwirkungen abgetan. Die Addition dieser Kleinigkeiten ergibt oft eine frustrierende Summe. Mit dieser Summe im Gepäck, minimiert sich das Gefühl der Verbundenheit zum Partner immer weiter. Bis nur noch ein vermeintlicher „Scherbenhaufen“ übrig bleibt. Der Scherbenhaufen steht stellvertretend für die vielen ignorierten Kleinigkeiten, welche einst nach Aufmerksamkeit gerufen haben. Nun gibt es streng genommen zwei Möglichkeiten an diesem Punkt. Entweder beide schauen sich die Scherben genauer an und entwickeln eine Bereitschaft dazu, daraus ein neues Mosaik zu entwerfen, oder – und das ist sehr viel häufiger der Fall – es wird die Kehrschaufel und der Handfeger geholt, alles nicht sehr wertschätzend zusammengekehrt und in den Müll gebracht. Für manche Beziehung mag das sogar die bessere Lösung sein. Für die meisten, denke ich, ist es das nicht.

Vielleicht ist das für dich sogar ein Weckruf oder zumindest eine Motivation, einmal auf deine Beziehungen zu schauen. Wie geht es dir denn? Gibt es bei dir Unstimmigkeiten? Kleine Frustrationen? Große? Gibt es etwas, was du sehr gern ändern möchtest, aber nicht weißt wie? Fühl dich eingeladen, mit mir Kontakt aufzunehmen.

Ich finde es durchaus hilfreich und vor allem mutig, einen prüfenden Blick auf die eigene Beziehung zu werfen, denn es geht um dein erfüllten Lebens. Und das von deinem Partner. Wenn beide es wirklich wollen, ist alles möglich. Es lohnt sich.

Andreas

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