„Ich reiche nicht aus."


Was ist eigentlich das Gegenteil? „Ich bin viel zu viel“? Das geht ja auch nicht. Wieso sollte dann „Ich reiche nicht aus" funktionieren bzw. stimmen? Ich möchte dazu mal ein paar meiner Gedanken teilen.

Dieser Glaubenssatz „Ich reiche nicht aus" ist nach wie vor sehr verbreitet und führt bei vielen Menschen zu unterschiedlichsten Folge-Gefühlen und ganzen Gefühlsketten, welche enormen Einfluss auf die Lebensqualität im Alltag haben können. Dazu gehören z. B. das Gefühl wertlos zu sein, nicht liebenswert zu sein oder anders sein zu müssen, um o.k. zu sein.

Im Grunde geht es aus meiner Sicht um einen generellen Irrtum sowie das Missverständnis der polaren Gesetzmäßigkeiten hier auf der Erde. Das wurde schon oft abghandelt, muss aber eben so oft wiederholt werden, damit es anders kultiviert werden kann.

 

Die Polarität beschreibt das Wechselwirken von Gegensätzen in denen ein Zustand den anderen bedingt. Das kennt jeder: z. B. Tag und Nacht, Berg und Tal oder viel und wenig.

Bezogen auf die Annahme „Ich reiche nicht aus" bedeutet das faktisch nicht mehr als eine Fokussierung auf den einen Pol „Mangel“, welcher als Gegensatz zur „Fülle“ existiert. Nun hat eine Polarisierung stets zur Folge, dass die eigene Wahrnehmung stark eingeschränkt und einseitig wird. Die Entscheidung in Richtung „Mangel“ generiert sich dabei oft aus den sozialen Einflüssen und den daraus resultierenden Glaubenssätzen. Wenn ich z. B. in meiner Kindheit sehr häufig korrigiert werde, um die Ansprüche und Erziehungsziele meiner Eltern zu erfüllen, ist es mir nur schwer möglich, einen eigenen Erfahrungsschatz aufzubauen. Das behindert mich später sehr vielschichtig. So können als Folge Aspekte wie innere Unsicherheit oder Leistungsdruck entstehen. Letzteres ist in unserer Gesellschaft so stark ausgeprägt, dass es schon als normal empfunden wird. Es ist normal immer besser als andere sein zu wollen. Es ist normal immer Recht haben zu wollen. Es ist normal davon auszugehen, dass die eigene Weltsicht der ultimative Maßstab ist. Und es ist noch normaler anzunehmen, zu wissen, was für jemand anderes besser ist. Gerade in Bezug auf unsere Kinder ist das sehr häufig so. Dabei sehen Eltern immer durch die Brille der eigenen Biografie auf die Kinder. Sie sehen sich selbst und versuchen sehr oft, die eigenen Erfahrungen der Kindheit in den eigenen Kindern zu reparieren. Deswegen fühlen sich Eltern wahrscheinlich auch am wohlsten, wenn die Sprösslinge „funktionieren“ – gern auch unter der Formulierung „ein liebes Kind“ versteckt. Da wird mir ganz anders und trotzdem kann ich niemanden einen Vorwurf machen, da jeder - wie ich auch – seine Geschichte hat.

 

Auch ich habe in so mancher Situation mit dem Gefühl zu tun, nicht auszureichen oder nicht o.k. zu sein. Auch wenn ich es kognitiv besser weiß. Tief verankerte Muster funktionieren automatisch. Sobald die Erfahrungen und Glaubenssätze im Unbewussten gelandet sind, kann ich sie auf bewusster Ebene zuerst einmal nur wahrnehmen. Voraussetzung dafür ist sie als Muster oder Programm erkannt zu haben. Der Veränderungsprozess dauert seine Zeit. Ausgenommen sind spontane Erleuchtungserfahrungen, die eine Person vollständig erwachen lassen. In den meisten mir bekannten Fällen bleibt es allerdings Prozessarbeit. Aber auch die kann sehr schön sein, selbst wenn sie anstrengend ist. Vor allem ist sie erfüllend (was schon mal das Gegenteil vom Mangel ist), erleichternd (was wiederum der Gegensatz zum Beschweren ist) und sehr sinnvoll (was das Gegenteil von depressiven Zuständen ist). Aus diesem Grund steckt in jeder Herausforderung gleichzeitig die Lösung. Und wer zur Betriebsblindheit bei sich selbst neigt, kann über das Mittel der Reflexion z. B. im Coaching wieder sehend werden und in seinem Prozess weiter gehen.


Für mich ist es eine essenzielle Erkenntnis die Polarität in allem zu durchschauen. Wer diesen Punkt erfährt, empfindet den ganzen Prozess nur noch als halb so wild und es stellt sich ein Grundgefühl ein, das aus meiner Sicht die sichere Basis für alles weitere ist. Und passend dazu wird es eine Serie polarer Themen geben, auf die ich jeweils etwas tiefer eingehen werde. Da freue ich mich schon drauf.


In Freude
Andreas

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