Alle lieben alles – immer noch.


Das Thema ist an sich nichts Neues – aber immer noch aktuell. Mir ist es nur kürzlich wieder verstärkt aufgefallen. Der Auslöser war ein Plakat in einem Haarschneider-Studio mit der Aussage „Ich liebe meine Haare“. Sofort musste ich an die ganzen Werbeaussagen á la „Wir lieben Autos“ oder „Wie lieben Schuhe“ etc. denken. Sehr viele Unternehmen scheinen sehr viel zu lieben, zumindest auf materieller Ebene. Es ist beachtlich, was ich seit Jahren alles lieben kann! Ich bekomme es quasi „vorgeliebt“. Von Fast-Food über Technik bis zu Schuhen – alles ist so liebenswert. „Ich liebe es.“ Du etwa nicht? Bei so viel Liebesgeflüster müsste bald jeder alles über alles lieben. Ich liebe dieses Thema! :) Aber anders.
Vorweg. Mit der Liebe ließ schon immer Geld verdienen. Aber in den letzten Jahren, in denen sich die zwischenmenschlichen Beziehungen in eins oder mehrere der vielen Netzwerken umgezogen sind, schwingt die Werbe-Liebe weiter ihr Lasso. Sie fängt sich auf subtile Art die liebeshungrigen Geister und verwickelt sie in so manche materielle Liebesbeziehung. Und wir wissen das. Ich weiß das es Werbung ist. Du weißt es. Und trotzdem bleibt ein Restschmeichler des Wortes „Liebe“ in uns haften. Es ist nun mal die Liebe aus der alles ist, aus der alles kommt und auch wieder geht. Und genau das macht diese künstliche Liebes-Werbung so … hhmm … wie schreib ich es mal diplomatisch … amüsant. Also für mich.
Den Erfolg des Konzeptes will ich damit gar nicht in Frage stellen. Aber die Art des initiierten Selbstbetruges finde ich bemerkenswert. Es lenkt den Fokus auf die Vergänglichkeit, auf eine sächliche Liebe zu Dingen in Raum und Zeit. Dahin wo nichts wirklich Bestand hat. Aus Werbersicht total nachvollziehbar. Ich denke aber, eine authentische langfristige Beziehung zu Produkten oder Dienstleistungen geht anders. So bleibt es halt erstmal wie es seit Jahren ist: eine kurzfristige emotionale Brücke zum Profit.
Aber mit Liebe hat das nichts zu tun. Genauso wenig wie 99% der Dinge, welche meistens mit Liebe in Verbindung gebracht werden. In diesem romantischen Bedingungs-Cluster von weltlicher Liebe, sind bei genauerem Hinsehen oft reichlich Erwartungen oder Abhängigkeiten platziert. Nicht unbedingt bewusst, aber da. So und weil ich gern von meinen Erfahrungen erzählen möchte, wechsel ich jetzt die Erzählperspektive.

Ich bin bis heute immer wieder überrascht, in welche Vorstellungen die wahrhafte Liebe reduziert und eingewickelt wird. Ich meine, ich bin das beste Beispiel. Vor ungefähr 10 Jahren hat mein Ego sich (mal wieder) was ganz besonderes einfallen lassen. Als Grafiker arbeite ich mit Apple-Rechnern. Mit dem ersten iPhone von Apple wuchs meine Identifikation mit der Marke nochmal sprunghaft. Es wurde eine innige „Liebes“-Beziehung … schmunzel. Aber den Vogel hat mein Ego abgeschossen. Mit der Überlegung die Marke und das Image für mich nutzbar zu machen, kam es auf die Idee eine Art „Übermarke“ namens APFELGERNHABER einführen zu wollen. Klar, als richtiger Apple-Fan war es wichtig sich zu bekennen. Mit schick gestalteten Gründen, gab es viele verschiedene T-Shirts zu erwerben um … jetzt bitte festhalten … mit dem Slogan „Zeig was du liebst.“, die emotionale Botschaft in die Welt zu tragen. Das fühlt sich schon etwas schräg an, wenn ich das so schreibe.

Das ist ein gutes Beispiel für den Identifikations-Wahn in unserer Zeit. Dieser trägt zur kontinuierlichen Selbstentfremdung bei. Gut, dass nicht jeder da mehr mitmachen will und wird. So wird sich aus meiner Sicht auch die Werbung transformieren. Ich denke, dass authentische Werbung wirklich wechelseitig Spaß machen kann, ohne gezielte Manipulation und Suggestion. Ehrliche Darstellung im Einklang mit dem Kunden. Dafür ist allerdings auch ein etwas anderer zwischenmenschlicher Umgang erforderlich. Ich bin für die Einbeziehung essentieller spiritueller Aspekte.

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