​Das bin ich … das bin ich nicht … das bin ich … bin ich nicht …


Kannst du dich noch an die Phasen in deiner Jugend erinnern, in denen du nur bestimmte ideelle oder optische Richtungen gut fandest und mit denen du dich für eine bestimmte Zeit identifiziert hast? Bei mir war das eine sehr aufregende und experimentierfreudige Zeit. Auf der Suche nach mir und dem, wie und wer ich sein wollte. Und, wer bin ich nun?
Das ist die K.o.-Frage schlechthin: Wer bin ich? Die meisten Antworten auf diese Frage beinhalten irgendwelche Beschreibungen von Eigenschaften die sich jemand selbst zuordnet. Sie zeichnen in der Regel jenes unvollständige Selbstbild, welches abhängig von der Ehrlichkeit sich selbst gegenüber, mehr oder weniger in die Galerie der Gesellschaft passt.
Aber die wenigsten können sagen, wer sie wirklich sind. Deswegen K.o.-Frage. Das ist kein allgemeiner Vorwurf – eher eine Art Aufruf. Oder möchtest du nicht wissen, wer du bist? Ich meine dieses „etwas“ in dir, das irgendwie auf der Suche ist und weiß, dass du „mehr“ bist, als du denkst.

Übrigens ist eine Art dieser Suche nach sich selbst, die Beschreibung und Bewertung von anderen. Das geht einfach, tut nicht weh und ist sogar für manche unterhaltsam. Das ist Volkssport und Alltag. Die Kategorisierung der Menschen. Als ich auch noch diesen Sport betrieben habe, gab es Menschen die ich total gut fand, welche, gegen die ich nichts hatte und welche, die ich entweder doof fand oder völlig ablehnte. Das ist wiederum aus heutiger Sicht für mich unterhaltsam, aber damals waren mir die Zusammenhänge noch nicht so klar und ich habe blind umherbewertet und wild rumgeurteilt. So, und nebenbei schwebte trotzdem immer die Frage: wer bin ich denn nun eigentlich? Was ich wusste war, wer oder was ich nicht bin oder wer oder was ich gern sein möchte. Klar gab es auch Eigenschaften die ich mir schon damals zuordnen konnte, aber die hatten nicht so essentiellen Charakter und gaben mir auch nicht das Gefühl, mich in mir zu Hause zu fühlen.
Ich war jahrelang gefangen in vielen Rollenspielen der Identifikation. Ich übte mich als Popper, Punk, Hippie, Death-Metaller, Marken-Junk, Rock'n'Roller … und Skater, Apple-Fan, Atheist, Mystiker, Zweifler, Skeptiker, Körper und so weiter und so fort. Manche Einstellungen waren temporär und manche längerfristig, aber nie wirklich stimmig. Ich dachte immer für eine gewisse Zeit: Das bin ich. Und ich dachte: Jetzt weiß ich wer ich bin und was ich will. Wenn ich heute darüber sinniere, war das alles eine große und nötige RoadShow auf dem Weg zu mir. Das klingt wie eine Phrase: "Ich … auf dem Weg zu mir." Ist es auch – zumindest bis man sich wirklich bewusst auf den Weg macht. ;)

Ok. Wenn ich mich also mit so vielen materiellen Dingen (z. B. Auto, Marken, Fußballvereine) oder geistigen Einstellungen (z. B. ich bin schön, ich bin fleißig, ich bin ängstlich etc.) identifizieren kann, muss es ja auch die Möglichkeit geben, mich nicht damit zu identifizieren. Ahh. Eine sehr gute Möglichkeit. Nicht für das Ego. Das denkt sehr wahrscheinlich, das es was verlieren würde oder aufgeben müsste. Aber für dich als Seele ist eine sehr gute Möglichkeit zu erfahren, was du noch bist, außer dem, was du bisher denkst zu sein. Das Erkennen der "anderen" oder versteckt-verdrängten Seiten von dir, kommt z. B. in der Meditation, Coaching etc. – kurzum: in deinem spirituellen Wachstum.

Heute weiß ich für mich: "Ich bin". Das fühlt sich gut und frei an, weil ich nicht mehr in so vielen Identifizierungen gefangen bin. "Ich bin" ist sozusagen der nichtidentifizierte undifferenzierte Grundzustand. Aus diesem entscheide ich wer ich bin und was ich sein möchte. Und ich versuche alles zu sein und zu leben, jede Art von Gefühl wahrzunehmen, nichts auszuschließen und zu beobachten. Es ist meist verbunden mit einer Feststellung á la: "Ah, so kann ich also auch sein". Das ist sehr entspannend.

Ich bedanke mich für's lesen und wünsche eine gute Zeit.

Andreas

PS: Dieses Thema in so einem kurzen Text erfüllend zu beschreiben ist mir nicht möglich. Ich merke beim Tippen einfach die Tiefe und die umfassende Bedeutung dahinter. Zum Thema "Identifikation" und den sich daran anschließenden Thematiken sowie deren Einfluss im Alltag, wird es sicher eine Fortsetzung geben.